Aktuelle Predigt
31.12.2012
Predigt-Archiv-Hinweis
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05.02.2012
Septuagesimae - Jeremia 9, 22 und 23 - Dekan Hans Scheffel
Gott leidet mit
Liebe Gemeinde,
was zählt heute? Was sind die Werte, die heute gelten? Wer ist der coolste im Klassenzimmer, in der Gemeinde, in der Gesellschaft? Wir kennen alle den Kampf um Anerkennung und Macht, wir kennen die Kooperationen mit Mächten, die uns nicht so gefallen, aber die man eingeht um des lieben Friedens willen oder um nicht ständig der Außenseiter zu sein.
Was sind die Maßstäbe, dass das Leben gelingt? Für mich ist dies eine spannende Frage und sie stellt sich in jeder Lebensphase neu?
In unserem Prophetenwort werden drei Eigenschaften genannt, die menschlich gesehen schon immer relevant waren und auch heute noch sind. Da wird als erstes die Weisheit genannt. Ja, das ist doch sehr erstrebenswert, weise zu sein, erfahren zu sein. Die Gefahr des Weisen ist, dass er sich selber als weise einschätzt und dann sich seiner Weisheit rühmt und damit prahlt. Das Sprichwort hat recht: Eigenlob stinkt.
Eine weitere Eigenschaft ist die der Stärke. Wer will nicht stark sein. Das ist doch cool, in der Klasse den Ton anzugeben. Wie deprimierend ist es für den Stillen, der einfach da sitzt und mitmacht, in der Regel hellwach ist, aber dem keine Stärke zugetraut wird. Auch hier gilt Vorsicht: die vermeintliche Stärke kann sehr schnell umkippen und auch hier hat das Sprichwort recht: Hochmut kommt vor den Fall.
Die dritte Eigenschaft ist die des Reichtums. Es ist doch heute gang und gäbe, wer Geld hat, der zählt. So langsam aber setzt sich bei uns auch durch, dass man eben nicht alles mit Geld kaufen kann. Und auch hier hat das Sprichwort recht: wie gewonnen, so zerronnen.
Gleichwohl müssen wir doch festhalten, dass im menschlichen Zusammenleben die Gaben der Weisheit, der Macht und des Reichtums positive Strahlkraft haben, wenn sie richtig für die Gemeinschaft als Ganze eingesetzt werden. Sie entwickeln aber tödliche Folgen, wenn sie negativ eingesetzt, also: wenn es nur noch um das Prahlen mit der Gescheitheit geht, wenn es nur noch um das Durchsetzen der eigenen Interessen geht und wenn es nur noch um das Gold geht - Goethes Faust sagt es doch treffend: „Am Golde hängt, zum Golde drängt doch alles."
Eine Gesellschaft wird dann korrupt und gerät aus den guten Fugen, wenn sich diese drei Mächte der wahren Intelligenz, der Stärke und des Reichtums verselbständigen, ohne eine gute Bindung an das Ganze der Gemeinschaft und an die Schönheit des Lebens zu haben. Kurz: wenn Menschen Gott vergessen.
Darum setzt der Prophet drei Eigenschaften entgegen: Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit.
Barmherzigkeit ist der Schlüssel menschlichen Lebens. Barmherzig sein, meint, den ganzen Menschen und die ganze Menschheit im Blick zu haben und die Liebe die Triebfeder des Handelns sein zu lassen.
Recht meint, dass sich das Recht durchsetzen wird. Im Sprichwort heißt: die Sonne bringt es an den Tag. Wer meint, Unrecht tun zu müssen, der kann kurzzeitig Erfolge haben, aber langfristig ist das Recht die Macht, die sich durchsetzt. Und die Basis allen Rechtes ist die Würde des Lebens und das rechte gute Verhalten.
Gerechtigkeit meint hier nicht die strafende Gerechtigkeit, sondern die Gerechtigkeit Gottes, die die Beziehung zwischen Gott und Mensch zum Mittelpunkt hat. Gott schafft Gerechtigkeit, das heißt: seine Treue gilt allen.
Jeremia ist der Prophet, der zwischen allen Stühlen sitzt. Er verkündigt die Gerechtigkeit Gottes und ihm wird entgegengebracht, dass doch schon überall die Gerechtigkeit herrsche. Man ist sich sicher in der Gesellschaft. Man hat sich eingerichtet. Man hat sich daran gewöhnt, dass die politische Elite macht, was sie will, und die religiösen Führer bringen den Unterbau und billigen das falsche Leben religiös. Deshalb kritisiert der Prophet die falschen Propheten, die politisch Verantwortlichen, das Tempelpersonal wie Priester und Aufseher. Das Versagen der politischen und religiösen Eliten damals zeigte sich darin, dass sie in fataler Weise eine Konfrontationspolitik gegen Babylon führten. Die innere und die äußere Krise wurden nicht ernst genommen, sie wurde bagatellisiert. Die sozialen Unterschiede wurden immer größer und härter, aber man ging nicht an die Ursache. Jeremia sieht die Wurzel in der Verkennung Gottes, keiner suchte mehr Gott zu gefallen, keiner suchte mehr Gottes Willen zu entdecken. Den Namen Gott führte man wohl noch im Munde, aber im Herzen suchte man die eigene Stärke, den eigenen Wohlstand, die eigene Sicherheit. Jeremia sprach diesen Konflikt offen an. Man soll sich nicht der eigenen Stärke rühmen, wenn man sich rühmt, dann soll man sich Gottes rühmen. Jeremia wies deutlich darauf hin, dass Gott selbst leidet an dieser inneren Glaubenskrise der Menschen, an der sozialen Kälte und an der falschen Machtpolitik.
Bedrückend sind die Parallelen zu uns heute. Vor knapp einem Jahr war der GAU in Japan: Zeigte sich nicht gerade hier, dass die Eliten versagt haben? - Gutgläubigkeit wurde ausgestrahlt, ach es war schon abenteuerlich, wie scheibenweise die Katastrophe auch an das Licht kam.
Unsere Welt heute leidet doch unter dem Riss zwischen arm und reich, zwischen Menschenrechte üben und wirtschaftlicher Macht, zwischen Aufstand und Unterdrückung, zwischen Getreideknappheit und Hungertod auf der einen und Getreideüberfülle auf der anderen Seite.
Wo sind unsere Maßstäbe für ein gutes und verantwortliches Handeln? Die biblische Botschaft hilft, sie weist eindeutig, nicht auf menschliches Können und menschliche Macht zu setzen, sondern sie weist auf Gottes Ehre und seine Gerechtigkeit hin. Gott selbst leidet an dem Riss, der diese Welt knebelt. Gott will, dass Güte, Rechtschaffenheit und Gemeinschaftstreue sich durchsetzen, aber er leidet und kämpft gegen die Macht des Egoismus, gegen die Macht des falschen Ehrgeizes, gegen die Macht, die dem Menschen suggeriert, er könne alles.
Jeremia hilft uns, in unserem Leben weiterzukommen, in dem er uns deutlich empfiehlt, Gott zu rühmen, auf Gottes Gerechtigkeit zu setzen und auf Gottes Reich.
Gott selbst hat ein Gefallen daran, dass Menschen die Wahrheit leben, die Gerechtigkeit üben und die Güter dieser Erde gerecht teilen. Jeremia wies in seiner großartigen Tempelrede darauf hin, dass es genügt, die 10 Gebote zu leben, also Gott zu lieben und den Nächsten ebenfalls, konkret: den Sonntag zu heiligen, Vater und Mutter zu ehren, nicht zu töten, die Beziehung rein zu halten, also die Ehe nicht zu brechen, nicht zu stehlen, kein falsches Zeugnis zu geben, also nicht zu tratschen und andere zu verleumden, sich nicht an das Gut der anderen zu machen.
Eigentlich doch einsichtig - oder? Aber im Alltag ist es schwer, darum brauchen wir die Kirche, damit wir uns immer wieder neu bewusst werden, wo die Werte des Lebens zu finden sind, nämlich in dem Gott, der die reinste Kreativität ist, indem er Leben schafft, der die tiefste Hingabe ist, in dem er in Jesus Christus den Riss zu seiner Sache macht und die Sünde, also die Macht der Einsamkeit und des Todes, überwindet, der die höchste Gegenwart ist, also in dem er jetzt und hier mitten unter uns ist.
Wo und wie entdecken wir Gott?
Die Konfirmanden haben den Wendepunkt in der Emmausgeschichte am letzten Mittwoch sofort erkannt und heute auch gut im Spiel gezeigt: im Brot brechen.
Christus geht mit als Leidender und begleitet uns, auch wenn uns die Augen gehalten sind. Im Brot brechen, da gehen die Augen auf und Menschen entdecken: „Brannte nicht unser Herz, als er mit uns redete auf dem Weg und uns die Schrift öffnete?"
Das Wort der Schrift wird uns geöffnet - Jeremia steht dafür, dass Gott da ist und wartet auf uns, so dass wir uns seiner rühmen.
Das Brot ist auf dem Altar und will uns stärken.
Was zählt? Letztendlich das Vertrauen in Gott und in Gottes Liebe, eine Liebe, die in das Leiden geht und den Kampf mit dem Bösen aufnimmt.
Diese Versöhnung schenkt Gott uns allen, damit wir recht leben.
Amen.
29.01.2012
Letzter So. n. Epiphanias; Psalm 71; Dekan Hans Scheffel
Kanzeltausch zur Eröffnung der Bibelwoche zu den Psalmen
- Bei der mennonitischen Gemeinde Sinsheim -
(Psalm 71)
Liebe Gemeinde,
der Psalm 71 ist ein Psalm, in dem der Beter am Ende seines Lebens vor Gott tritt und betend, preisend, dankend, lobend, bittend und klagend seine Lebenserfahrung ausspricht. Eine sehr gute Überschrift über diesen Psalm ist: Lebensbilanz. Da hält einer Rückblick auf sein Leben mit den Höhen und Tiefen, da blickt einer nach vorne und sieht realistisch auch die Schwächen und die Lasten des Alters. Und all dies tut er in der Gewissheit und im Vertrauen, dass Gottes Güte bei ihm ist. Gott, der Herr, ist es, der Kraft zum Leben und auch zum Sterben gibt, Gott, der Barmherzige, ist es, der Mut macht, auch die dunklen Seiten des Lebens, den eigenen Schatten nicht auszublenden, sondern anzunehmen. Gottes Barmherzigkeit trägt und schenkt den Glaubenden die Zuversicht und die Verpflichtung, von der Gerechtigkeit Gottes den nachfolgenden Generationen zu erzählen.
Wer Lebensbilanz zieht, braucht Ehrlichkeit und Mut. Ehrlichkeit ist nötig, weil wir Menschen geneigt sind, uns und unsere Taten in einem guten Licht nach außen darzustellen. Viel ist gewonnen, wenn nicht sogar alles, wenn wir ehrlich zu uns selbst sind und damit auch zu unseren Nächsten. Mut ist dringend erforderlich, wenn wir Lebensbilanz ziehen, weil es Kraft kostet, die eigenen Baustellen anzuschauen, die Wunden und Narben zu erkennen. Beides hat der Beter, er hat Ehrlichkeit, weil er ungeschönt von den Feinden spricht, die ihm das Leben schwer machen. Er hat Mut, weil er die Erfahrung des Scheiterns kennt und sie auch offen benennt. Lebensbilanz zu ziehen, ist nötig im Alter, dann wenn Menschen wissen, die letzte oder eine der letzten Phasen des Lebens ist angebrochen. Nur so kann man Abschied nehmen. Lebensbilanz zu ziehen, ist eine gute Sache, auch in jüngeren Jahren, weil man sich der eigenen Grundlagen, der eigenen Werte und des eigenen Glaubens versichert. Die Frage ist stets: Was ist unser Trost im Leben und im Sterben? Was gibt mir Sinn? Wo sind meine blinden Flecke? Wo muss ich mich korrigieren? Was muss ich in meinem Leben konkret ändern, damit ich ehrlich und gewiss die dritte Bitte des Vater unsers beten kann: Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auch auf Erden. Ja, Lebensbilanz ziehen ist gut und notwendig. Können wir es im Vertrauen auf Gott tun und können wir vor ihm aussprechen, was uns belastet und erfreut, so werden wir gestärkt und getröstet.
Die Psalmen sind bekanntlich das Gebetbuch der Bibel. Martin Luther und andere haben uns gelehrt, dass in den Psalmen der Schlüssel zum Verstehen der ganzen biblischen Botschaft zu finden ist. In ihm sind die Schätze menschlicher Erfahrung miteinander und mit Gott gesammelt. Ganz unterschiedliche menschliche Situationen sind angesprochen. Den Verfassern der Psalmen, wahrscheinlich sind sie sehr spät entstanden um 100 v. Chr. bis 80 v. Chr., ging es darum, allgemein gültige Wahrheiten, die auf das Leben vieler Menschen zu übertragen sind, zu benennen. So geben sie einen Einblick in die Erfahrungswelt der Menschen. Uns ermöglichen sie heute, Sprache zu finden, wenn wir in Nöten sind - dann können wir einen Klagepsalm sprechen, wenn wir in Freuden sind, dann können wir einen Lobpsalm sprechen. Immer aber helfen die Psalmen, dass der Mensch sich an Gott wenden kann mit allem, was ihn bewegt, dass der Mensch treu, ehrlich und mutig zu sich ist, sich nicht erhebt oder gar falsch und zu schnell über andere urteilt. Psalmen beten, heißt, menschliches Leben entdecken, sein eigenes Leben vor Gott zu reflektieren und Kraft zu finden, täglich aus Gottes Güte zu leben.
So möchte ich aus dem großen Erfahrungsschatz des Psalms 71 4 menschliche Erfahrungen herausgreifen:
1. Gleich zu Beginn bittet der Beter Gott: „Lass mich nicht zuschanden werden." (V1) Keiner von uns will Schande über sich und andere bringen, keiner will zuschanden werden, also dass die eigene Lebenskraft abnimmt oder gar ausgelöscht wird. Oder: dass Vorhaben vereitelt werden, dass die Hoffnung schwindet. Aber kennen wir nicht diese Erfahrung, dass Menschen zuschanden werden, manchmal aufgrund eigener Blindheit und Verbohrtheit, manchmal aber auch durch Kräfte, die von außen kommen. „Lass mich nicht zuschanden werden," heißt positiv gewendet, führe mich nicht in Versuchung und gib mir offene Augen und ein offenes Herz, damit ich recht prüfe, was Sache ist und was dem Leben, meinem und dem der Gemeinschaft, dient.
2. Der alte Mensch betet: „Verwirf mich nicht in meinem Alter, verlass mich nicht, wenn ich schwach werde." (V 9) Schwach werden ist auch eine Erfahrung, die alle Menschen kennen, wenn sie ehrlich zu sich sind. Das fängt damit an, dass ich schwach werde und dem Drängen nicht nachgeben kann, auch wenn ich eines besseren belehrt bin. Da bin ich einfach schwach geworden, sagen wir, wenn wir im falschen Moment und am falschen Ort nachgegeben haben. Dieses Schwach Werden dient nicht dem Ganzen und fördert Unzufriedenheit. Auf die Dauer ist es auch keine Lösung des Problems. Schwach werden im Alter begegnet uns heute Tag für Tag. Wir müssen lediglich einen Blick in unsere Altersheime werfen oder mit Menschen sprechen, die den alt gewordenen Vater oder die betagte Mutter zu betreuen haben. Schwach werden geschieht im Abnehmen der körperlichen Kräfte, so dass der Mensch nicht mehr in der Lage ist, einen Löffel zu halten oder sich anzuziehen. Wer von uns möchte auf andere angewiesen sein, dass sie uns frisieren und die Zähne putzen? Schwach werden ereignet sich auch im geistigen Bereich, die Erinnerung ist nicht mehr gegeben, geistig sind Menschen verwirrt. Schwach werden geschieht auch im geistlichen Bereich. Ich werde nie die Antwort von Prof. Gollwitzer auf die Frage, was hoffen Sie noch nach dem Tod Ihrer Frau, vergessen. Sinngemäß sagte der alte Mann: Seit dem Tod meiner Frau geht es nur bergab mit mir und ich hoffe, dass ich das, was ich ein Leben lang gepredigt habe, die Gnade Gottes, auch in der letzten Phase meines Lebens glauben kann. Es ist nicht ausgemacht, dass wir nicht in Anfechtung fallen und das Vertrauen in Gott verlieren. Schwach werden, ist ein ganz natürlicher Vorgang im Alter und darum ist die Bitte leicht nachvollziehbar: „Verlass mich nicht, wenn ich schwach werde." Gerade im Alter ist der Mensch auf die Erfahrung der Güte Gottes angewiesen.
3. Eine weitere Erfahrung ist, dass andere, die Feinde, über mich reden (Vers 10). Ja, das Geschwätz und das Getuschel über andere ist da und lässt sich nicht ausrotten, das ist eine Realität. Und doch: wem gefällt es, wenn über einen Böses oder gar Verleumderisches gesagt wird, wenn über einen geurteilt wird, ohne genau zu wissen, was Sache ist. Ach, wie viel wäre gewonnen, wenn wir offen und ehrlich miteinander umgingen, wenn der Mann klar zur Frau sagt, was ihn stört -ohne Vorwurf, ohne Besserwisserei, ohne Angst, einfach aus dem Herzen heraus.
4. Eine weitere Erfahrung nennt der Psalm, dass Gott einen große Angst und Tiefe erdulden lässt und einen wieder aus den Tiefen der Erde herausführt. (V20).
Ganz menschlich redet der Psalm und die Mitte des Redens ist die Gerechtigkeit Gottes. Damit ist nicht die strafende Gerechtigkeit gemeint oder die ausgleichende oder die richtende. So denken wir in der Regel. In der Bibel ist die Gerechtigkeit Gottes seine rettende, seine Güte und Barmherzigkeit, seine Fürsorglichkeit. Lägen wir die Messlatte der Forderungen rechten Lebens an, so wären wir verloren. Gott aber sei Dank, er legt die Messlatte seiner Gnade an und die ist größer als unser Herz. So heißt dann die Bitte: „Errette mich durch deine Gerechtigkeit." Und dieser Gott ist wie ein Fels, der fest steht und seine Gerechtigkeit strömt über alles Leben. Er ist wie eine Burg, die schützt und Geborgenheit schenkt. Der Beter ist voll des Jubels über solche rettenden Erfahrungen. Das Alter ist in der Bibel sehr positiv gesehen. Das Erfahrungswissen zählt. Ohne Lebensalter keine Lebenserfahrung, ohne Lebenserfahrung keine Weisheit, ohne Weisheit kein gelingendes Leben. Nicht nur die Jugend zählt, sondern auch das Alter und es kommt auf einen guten Generationenaustausch an. Das Schöne im Alter ist, die menschlichen Erfahrungen weiterzugeben, auch und gerade die geistlichen. Welch eine Hilfe ist es, wenn bei einem gelungenen Werk der alte und reife Mensch zum jungen sagt: „Darauf liegt Segen." Das Zeugnis muss nicht ständig und täglich da sein, es muss aber gelebt werden, so dass man aus dem Leben des Menschen das Zeichen der Güte Gottes sehen kann.
Der Beter unseres Psalms wird sich des übervollen Maßes der Gnade Gottes bewusst und er kann dann gar nicht anders als in Jubel auszubrechen: So will ich dir danken - und darum ist seine Lebensbilanz realistisch, er verschönt sein Leben nicht; aber auch voller Dank und Hoffnung spricht der Beter, weil er Vertrauen in Gottes Beistand hat. So wünsche ich uns allen, dass wir mit dem Psalm beten können: „Du machst mich sehr groß und tröstest mich wieder. ... Meine Lippen und meine Seele sollen fröhlich sein und dir lobsingen."
Amen
29.01.2012
Letzter So. n. Epiphanias; Psalm 71; Pastor Ebinger - Stadtkirche
Kanzeltausch zur Eröffnung der Bibelwoche zu den Psalmen
- Bei der Evangelischen Gemeinde Sinsheim -
Liebe Gemeinde,
Psalm 71 ist das Gebet eines alt gewordenen Menschen: (9) Verwirf mich nicht in meinem Alter, verlass mich nicht, wenn ich schwach werde. (18) Auch im Alter, Gott, verlass mich nicht, und wenn ich grau werde, bis ich deine Macht verkündige Kindeskindern und deine Kraft allen, die noch kommen sollen.
Doch Vorsicht: Ist das wirklich ein alter Mensch, der hier betet? Ist es nicht vielmehr einer, der alt zu werden droht. Dem die Lasten des Alters erst noch aufgebürdet werden? Einer der allenfalls die Vorboten des Alters spürt? Ausfallende Haare, dritte Zähne, Rückenschmerzen und die tägliche Einnahme von Aspirin, Betablocker und Cholesterinsenker?
Man muss nicht alt sein, um über diesen Psalm zu predigen. Man muss nicht ergraut sein, um die Sorgen des Älterwerdens zu spüren. Genau genommen ist es ein Thema für das Leben. So wie alle Psalmen aus der Tiefe der menschlichen Erfahrung schöpfen. Im Angesicht Gottes betet hier einer oder eine und bringt die eigene Erfahrung mit Gott in Verbindung.
Und trotzdem habe ich mir die Frage bei der Vorbereitung gestellt: Bin ich in meinem Alter heute der Richtige um Ihnen etwas Sinnvolles über dieses Thema zu sagen? Ich meinte zuerst: Nein. Doch umso tiefer ich den Psalm meditiert habe, umso mehr merkte ich: Es gibt viele Erfahrungen in meinem Leben, die in diesem Psalm vorkommen.
Ich dachte an meinen Großvater, mit dem ich als junger Student eine Woche in Südtirol verbrachte. Unvergessen der Moment als nach einem etwas anstrengenderen Spaziergang am Abend bei einem Kirchenkonzert sein Kreislauf zusammenbrach. Wie er nach dem ambulanten Krankenhausaufenthalt mich mit seinem Humor wieder aufrichtete. Und ich spürte, wie sein Gottvertrauen die Grundkonstante in seinem Leben war.
Ich dachte an ein Gemeindeglied während meines Praktikums im Schwarzwald, bei dem wir uns ein letztes Mal zum Abendmahl trafen. Er war schon vom Krebs schwer gezeichnet. Und ich erinnere mich daran, wie er uns von seinem Leben Zeugnis gab. Wie er Gott loben und ihm danken konnte, so dass wir die Getrösteten waren.
Ich dachte an jene zwei Senioren, die sich schweren Herzens entschlossen hatten, das eigene Haus aufzugeben und in eine betreute Wohnung in einer anderen Stadt zu ziehen. In hohem Alter wagten sie noch einmal einen Neuanfang. Dabei machten sie natürlich kein gutes Geschäft. Eher ein schlechtes. Aber wenn ich sie besuche sind sie fröhlich und zufrieden. Sie jammern nicht über ihre Feinde: abnehmende Beweglichkeit, finanzielle Einschränkungen und die Entfernung zu alten Freunden.
In den Sinn kommt mir auch das andere, das mir tagein tagaus begegnet. Die fast schon verzweifelte Sehnsucht vieler Menschen, nicht zu altern. Oder wenigstens die Zeichen des Alterns zu verbergen. Dass man von 65-jährigen empört angeschaut wird, wenn man sie zum Seniorenkreis einlädt ist noch das geringste Übel. Um Falten, schlaffe Haut und mangelnde Fitness kümmert sich eine expandierende Anti-Aging Industrie. Auch Männer legen sich mittlerweile gerne unters Messer, wenn die Tränensäcke hängen. Immer jung und dynamisch - das ist die Parole. Nur keine Müdigkeit vortäuschen. Schließlich will man im Vorruhestand noch Biken, Klettern und den Enkeln beim Fußball Paroli bieten. (Ich karikiere etwas.)
Wenn man solchermaßen jung bleibt, dann hat man weder Zeit noch Muße, sich mit seinem Altern zu beschäftigen. Doch plötzlich ist man wirklich alt. Hat sich nie damit auseinandergesetzt, was im Leben wirklich zählt. Hat die Nöte und Sorgen des Alters so gut es geht verdrängt (da ist ja auch nichts dagegen zu sagen). Aber man hat eben auch nicht bedacht, was los ist, wenn es nicht mehr so geht. Und plötzlich sind aus den ewig Junggebliebenen andauernd verzweifelte und zutiefst verunsicherte Alte geworden.
Liebe Gemeinde,
das ist unserem Psalm fremd. Drei Gedanken aus dem Psalm sind für mich eine geeignete Alternative um dem Jugendwahn zu widerstehen. Ich nenne sie mal die drei Z gegen den Jugendwahn:
Zuflucht
Der Psalm ist umschlossen von Aussagen des Vertrauens zu Gott: (1) Herr ich vertraue dir, lass mich niemals scheitern. (3) Du bist mein Fels und meine Burg. (5) Denn du bist meine Zuversicht, HERR, mein Gott, meine Hoffnung von meiner Jugend an. (16) Ich gehe einher in der Kraft Gottes des HERRN; ich preise deine Gerechtigkeit allein. (20) Du lässest mich erfahren viele und große Angst und machst mich wieder lebendig und holst mich wieder herauf aus den Tiefen der Erde. (21) Du machst mich sehr groß und tröstest mich wieder.
In all seiner Sorge vor den Nöten des Alters trägt den Beter oder die Beterin eine starke Zuversicht. Von Gott kommt der Schutz, die Hoffnung, die Kraft, das Leben und der Trost. Und wenn wir vorhin in der Schriftlesung von der Begegnung des Simeon und der Hanna mit Jesus im Tempel gehört haben (Lk 2), dann wird auch klar: Zuflucht erfährt Simeon beim Trost Israels. Beim lebendigen Gott, der in Jesus Christus Mensch geworden ist. Man kann darin einen schönen Fingerzeig zum Neuen Testament entdecken.
Zuflucht haben wir bei dem, der durch den Mund des Paulus sagt: Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. (2Kor 12,9. Jahreslosung 2012)
Wer es im Altern schon lernt bei diesem Gott, der in Jesus Christus unser Bruder geworden ist, Zuflucht zu suchen, der braucht sein Geld nicht ins Anti-Aging zu stecken. Er kann getrost etwas für die Rente zurücklegen oder anderen Menschen helfen, denen es nicht so gut geht, wie einem selbst. Er muss nicht seiner Jugend hinterherrennen, sondern er darf so sein, wie Gott ihn sein lässt: Ein bewahrtes, hoffnungsvolles, starkes, lebendiges und zuversichtliches Kind Gottes.
Zeugnis
Bekenntnishaft gibt der Psalm Zeugnis von Erlebnissen und Erfahrungen mit Gott: (5) Denn du bist meine Zuversicht, HERR, mein Gott, meine Hoffnung von meiner Jugend an. (6) Auf dich habe ich mich verlassen vom Mutterleib an; / du hast mich aus meiner Mutter Leibe gezogen. (15) Mein Mund soll verkündigen deine Gerechtigkeit, täglich deine Wohltaten, die ich nicht zählen kann.
Wer aus seinem Leben mit Gott erzählt, der hat begriffen, was die Angst vorm Altern nimmt. Gott hat ihn aus dem Mutterleib gezogen. Gott lässt Wohltaten an ihm geschehen. Es ist ein Zulassen und Verlassen auf Gottes Handeln. Nicht ich habe das Heft in der Hand, sondern Gott schreibt in mein Lebensbuch hinein.
Das ist doch ein anderer Ton, als der Ton des Jammerns und der Klage. Wo eine Zeugnis gibt von Gottes Wohltaten, die trägt nicht nur die Beschwerden leichter. Wo eine Gott an sich handeln lässt und davon erzählt, da kommt Gelassenheit auf.
Gerade dann, wenn ich unzufrieden bin, wenn es hart auf hart kommt, wenn alles drunter und drüber geht. Dann ermahne ich mich selbst: Halt!! Schau auf das, was gelungen ist, auf das, was Gott dir geschenkt hat, auf das, was dein Tun mit Sinn erfüllt.
Zunge
Schließlich ist die Zunge das Organ, mit dem wir Gott loben: (8) Lass meinen Mund deines Ruhmes und deines Preises voll sein täglich. (14) Ich aber will immer hoffen und mehren all deinen Ruhm. (22) So will auch ich dir danken mit Saitenspiel für deine Treue, mein Gott; ich will dir zur Harfe lobsingen, du Heiliger Israels. (23) Meine Lippen und meine Seele, die du erlöst hast, sollen fröhlich sein und dir lobsingen. (24) Auch meine Zunge soll täglich reden von deiner Gerechtigkeit.
Wenn schon in diesem Psalm der Grundton der Zuversicht überwiegt 62,5% (15 Verse), dann muss das etwas mit der Freude zu tun haben, die den Beter oder die Beterin ergreift. Vom Singen weiß ich, dass es den ganzen Körper ins Schwingen bringt. Die kleine Zunge steckt den ganzen Körper an. Auch meine Traurigkeit, meine Sorgen und meine Angst werden vom Singen berührt.
Ich denke an Paulus und Silas, wie sie im Gefängnis in Philippi im untersten Verlies bei Nacht zu singen begannen. Gefühlsmäßig war es ihnen sicher nicht nach Singen zumute. Aber sie haben es gewagt im Vertrauen auf Gott. Und ihr Gott ließ sie nicht im Stich. Die Loblieder des Paulus brachten die ganze Welt in Bewegung, so sehr, dass die Mauern einstürzten. Und ihr Zeugnis beim Singen berührte auch den Aufseher, einen argwöhnischen und angespannten Herrn. Plötzlich wurde auch er frei und wollte sich zum Gott der beiden Herren in seinem Gefängnis bekennen.
„LOBEN zieht nach OBEN und DANKEN schützt vor WANKEN." So zitierte eine Touristenführerin im Kloster Maulbronn eine alte Weisheit. Was sie ihren Gästen geradezu monoton eintrichterte, blieb mir im Gedächtnis. Und ich bin dankbar dafür. Denn in meinem Leben mache ich diese Erfahrung.
Zuversicht, Zeugnis und Zunge. Das sind die drei Dinge, die sie auf ihrem Weg des Älterwerdens begleiten. Und ich wünsche mir, dass sie damit gute Erfahrungen machen und geistlich frisch und beweglich bleiben.
AMEN
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